18 Jahre recordJet: Caro und Jorin über die Anfänge, Zweifel und Independent Music
Zum Jubiläum: 18 Jahre recordJet. Was bleibt, was kommt und was recordJet mit 25 können soll. Ein Interview mit unseren Captains Carolin und Jorin
18 Jahre recordJet. Was 2008 mit einer Idee, ziemlich viel Idealismus und zwei Menschen begann, die sich regelmäßig über Skype austauschten, ist heute ein Unternehmen mit 42 Mitarbeitenden. Jorin Zschiesche hat recordJet gegründet, kurz darauf kam Carolin Wohlschlögel dazu. Seitdem bauen sie gemeinsam einen Vertrieb auf, über den Artists unabhängig veröffentlichen..
Zum Geburtstag sprechen unsere Lieblings-Captains Caro und Jorin über geplatzte Gründerträume, eine Platinplatten in der Badewannen, schlaflose Nächte und die große Frage, ob man sich irgendwann im eigenen Unternehmen überflüssig machen kann.
18 Jahre recordJet: Was würdet ihr eurem damaligen Ich erzählen und was lieber verschweigen?
Jorin: Wenn ich meinem damaligen Ich erzählen würde, was heute Realität ist, würde es mir vermutlich einen Vogel zeigen und mich wegschicken. Ich konnte mir damals nicht mal vorstellen, dass wir es jemals in die Charts schaffen oder mehr als fünf Mitarbeitende haben würden. Und jetzt sind es 42. Verrückt.
Caro: Ich würde sagen: „Kein Stress, das wird schon alles.“ Und verschweigen würde ich, wie zäh es zwischendurch werden kann. Wobei wir das damals eigentlich auch schon wussten. Wir waren also gewarnt.

Jorin, wann wurde aus „Ich habe da eine Idee“ wirklich „Ich gründe jetzt eine Firma“?
Jorin: Eigentlich war es genau andersherum. Ich wusste schon lange, dass ich eine Firma in der Musikindustrie gründen wollte. Ich wusste nur noch nicht, welche. Studiert habe ich vorsichtshalber, damit ich irgendwas in der Hand habe, falls alles schiefgeht. Während des Studiums kam dann die Idee zu MusicJet. Blöderweise war der Name schon als Marke registriert. Nach ungefähr drei Millionen weiteren Namensideen wurde daraus schließlich recordJet. Es ging also alles ganz schnell. (lacht)
Caro, wann hast du zum ersten Mal gedacht: Okay, das mit recordJet könnte tatsächlich etwas werden?
Caro: Letzten Montag. Nein, Quatsch! (lacht) Ich glaube, so richtig war das 2016, als wir den ersten festen Mitarbeitenden eingestellt haben. 2017 kamen weitere dazu. Plötzlich waren wir nicht mehr nur Jorin und ich, sondern ein richtiges Team. Und das Verrückte war: Wir konnten uns diese Leute tatsächlich leisten! Da dachte ich zum ersten Mal: Okay, das geht hier offenbar wirklich in eine ziemlich gute Richtung.

Was war die absurdeste Reaktion, die ihr damals auf eure Idee bekommen habt?
Caro: Ehrlich gesagt gab es bei mir gar keine absurden Reaktionen. Alle fanden die Idee toll. „Boah, krass!“, „Wie cool ist das denn?“ – solche Sachen. Viele hatten damals überhaupt nicht auf dem Schirm, dass man die Musikbranche auf diese Weise demokratisieren könnte.
Jorin: Ich habe dagegen ziemlich oft gehört, warum unsere Idee auf gar keinen Fall funktionieren würde. Aber ich dachte mir: Einen Versuch ist es doch wert. Heute höre ich dafür regelmäßig, was für eine großartige Idee das damals war. Ich würde sagen, es steht unentschieden. Wir gehen in die Verlängerung.
Wann habt ihr zum ersten Mal gemerkt: Wir verändern hier etwas für Artists?
Caro: Als die ersten Artists ganz bewusst von den Majors zu uns gewechselt sind. Die haben gesagt: „Wir wollen das nicht mehr. Wir wollen das, was ihr uns bietet.“ Das war ein wahnsinnig wichtiger Moment, weil wir gemerkt haben: Unsere Idee funktioniert nicht nur wirtschaftlich, sondern verändert tatsächlich etwas. Wir geben Künstler:innen eine echte Alternative.
Jorin: Eigentlich schon ganz am Anfang, durch das Feedback der ersten Artists. Aber so richtig eindrucksvoll wurde es, als Artists zu uns kamen, die vorher von sämtlichen Majors abgelehnt worden waren und anschließend eine Weltkarriere hingelegt haben. Das sind natürlich Geschichten, die bleiben.
Gab es in den 18 Jahren einen Moment, in dem ihr am liebsten alles hingeschmissen hättet?
Jorin: Zum Glück nie. Aber die Bürokratie bringt mich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns. Ich glaube, das kennen die meisten Selbstständigen und Unternehmer:innen. Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Mir fehlt nur noch das Happy End.
Caro: Es gab schon ein paar Momente, in denen man dachte: Ernsthaft jetzt? Zum Beispiel, als unser Antrag auf ein Gründerstipendium abgelehnt wurde. Begründung: Unsere Idee sei nicht innovativ genug. Später haben wir erfahren, dass stattdessen eine Rezeptplattform gefördert wurde, obwohl es davon damals schon gefühlt tausend gab. Da fragt man sich natürlich kurz, ob die Welt überhaupt bereit ist für diese Musikrevolution oder doch lieber das x-te Kürbissuppenrezept braucht.
Aber ernsthaft alles hinschmeißen? Nein. Ich hatte schon kleinere Sinnkrisen, besonders nach meiner zweiten Elternzeit. Aber nichts, was mich wirklich zum Aufgeben gebracht hätte.

Und welcher Moment war das genaue Gegenteil?
Jorin: Fast jeder Tag, an dem ich mit unserem Team das machen darf, was mir wirklich Spaß macht.
Caro: Da gab es zum Glück ziemlich viele! Die ersten großen Chartplatzierungen, die erste Gold- oder Platinplatte. Oder wenn Kund:innen und Mitarbeitende uns sagen, wie zufrieden sie sind. Das sind die Momente, in denen man denkt: Genau deshalb haben wir das alles angefangen. Und plötzlich sind die ganzen anstrengenden Phasen zumindest für einen Moment vergessen.
Was ist heute bei recordJet komplett anders als 2008 und was erstaunlicherweise noch genauso?
Jorin: Unsere Idee und unsere Mission sind immer noch dieselben. Ansonsten? Eigentlich alles.
Caro: Na ja, 2008 gab es recordJet streng genommen noch gar nicht so richtig. Das war unser Gründungsjahr. recordJet bestand damals im Wesentlichen daraus, dass Jorin und ich fast täglich telefoniert oder geskypt und über Ideen gesprochen haben. Daneben hat Jorin programmiert, einen Namen gesucht, die Bürokratie erledigt und das Unternehmen gegründet. Das war recordJet 2008.
Und heute? 42 Mitarbeitende, ein richtiges Unternehmen. Die Laube steht! Eigentlich ist fast alles anders.
Welche Entscheidung würdet ihr heute anders treffen?
Jorin: Schwer zu sagen. Selbst aus den Fehlern haben wir am Ende etwas gelernt. Insofern waren sie vielleicht gar nicht so verkehrt.
Caro: Ich würde wahrscheinlich ein paar Leute nicht noch einmal einstellen, bei denen sich später herausgestellt hat, dass es einfach nicht passt. Aber das weiß man vorher eben oft nicht. Inzwischen haben wir ziemlich viel darüber gelernt, wer wirklich zu uns und unserer Unternehmenskultur passt.
Worüber habt ihr euch in 18 Jahren am häufigsten gestritten?
Jorin: Haben wir jemals gestritten? Falls ja, habe ich es erfolgreich verdrängt.
Caro: Wahrscheinlich über Kommunikation. Also darüber, wie wir etwas formulieren, darstellen oder nach außen präsentieren. Da hatten wir manchmal unterschiedliche Vorstellungen. Aber wir haben uns inzwischen ganz gut eingegroovt. Und offensichtlich haben wir uns nie so sehr gestritten, dass Jorin sich noch daran erinnern könnte.
Was kann Caro besser als Jorin und was Jorin besser als Caro?
Jorin: Wir ergänzen uns ziemlich perfekt. Caro kann alles, was ich nicht kann. Und das ist eine ganze Menge.
Caro: Das ist eigentlich ziemlich klar verteilt. Jorin kann Zahlen, Daten, Fakten, Mathe und Finanzen. Ich bin eher für Sprache, Kommunikation, Bauchgefühl und das Zwischenmenschliche zuständig. Gerade am Anfang habe ich wahnsinnig viel getextet und die Kommunikation nach außen übernommen. Wir haben also zum Glück ziemlich unterschiedliche Stärken. Sonst wäre wahrscheinlich auch alles nicht so gut aufgegangen.
Welcher recordJet-Artist oder Release hat euch persönlich besonders berührt?
Jorin: Dass plötzlich so viele meiner Kindheitsheldinnen und Kindheitshelden bei uns aufgetaucht sind. Das kann ich bis heute manchmal kaum begreifen.
Caro: Ich werde nie vergessen, wie wir unsere erste richtig große Auszeichnung bekommen haben: die Platinplatte für Milky Chance. Wir haben damals ein Foto mit der Platte in der Badewanne gemacht.

Und das Beste war, wie die Platte überhaupt zu uns kam. Es klingelte einfach an der Tür. Wir machten auf und da stand jemand und sagte sinngemäß: „Hallo, ich habe hier eine Platinplatte für euch.“ Das war völlig surreal. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Und plötzlich hältst du so ein Ding in der Hand. Wahnsinn.
Was vermisst ihr an der alten recordJet-Zeit?
Jorin: Dass wir mit der ganzen Crew in einem kleinen Raum zusammen waren und gearbeitet haben. Das geht bei unserer heutigen Größe leider nicht mehr.
Caro: Schon einiges. Früher war alles ein bisschen einfacher und persönlicher. Wir waren weniger als eine Handvoll Leute, kannten uns wahnsinnig gut und konnten ganz anders miteinander umgehen. Da konnte man auch mal einen ziemlich schrägen Witz machen, ohne dass ihn jemand falsch verstanden hat.
Und was ich wirklich vermisse: unsere gigantischen Mittagssalate! Jorin und ich haben uns damals fast jeden Tag eine riesige Schüssel Salat gemacht. Danach waren wir pappsatt. Das war großartig.
Und was vermisst ihr überhaupt nicht?
Jorin: Die ständigen Geldsorgen. Die haben mir damals so manche schlaflose Nacht beschert.
Caro: Dass wir praktisch alles selbst machen mussten. Was heute auf 42 Mitarbeitende verteilt ist, haben wir damals im kleineren Maßstab zu zweit gestemmt. Und das hört ja nicht einfach auf, nur weil man Urlaub hat.
Jorin hat zeitweise fünf Jahre lang keinen richtigen Urlaub gemacht und auch an den Wochenenden gearbeitet. Es gab einfach immer irgendetwas zu tun. Und alles dauerte dreimal so lange, weil niemand da war, an den man Aufgaben abgeben konnte.
Also nein, diese permanente Überarbeitung vermisse ich wirklich nicht. Nicht mal ein bisschen.
Wenn recordJet ein Mensch wäre und gerade 18 würde: Was für ein 18-Jähriger wäre recordJet?
Jorin: Das klingt verdächtig nach einer deiner berühmten Montagsfragen. Und wie immer kann ich sie nicht beantworten.
Caro: Ich glaube, recordJet wäre ein ziemlich verantwortungsbewusster 18-Jähriger. Keiner, bei dem man ständig Angst haben müsste, dass er sich komplett verrennt. Sondern jemand, der ziemlich genau weiß, wohin er will und was er erreichen möchte. Und der dabei auch noch etwas Positives in der Welt bewegen will.
Jorin: Also eigentlich ein ganz vernünftiger junger Erwachsener. Fast schon ein bisschen unheimlich für 18.
Und was soll recordJet mit 25 können, was es heute noch nicht kann?
Jorin: Oh, da haben wir ziemlich viele Ideen. Aber die bleiben vorerst geheim.
Caro: Am liebsten weitgehend ohne uns funktionieren! (lacht) Also, dass wir uns im eigenen Unternehmen irgendwann selbst überflüssig gemacht haben. Und trotzdem läuft alles genauso weiter, wie wir es uns wünschen. Ohne dass der Laden plötzlich in irgendeine völlig bescheuerte Richtung abbiegt.
Das wäre eigentlich das schönste Geschenk, das recordJet uns machen könnte.
recordJet
Pro Musik