Unser Artist of the Month im Monat März: Fiona Fiasco
Zwischen Alpennebel und Pariser Licht – das poetische Universum von Blue Rider, Blue Faced
Manchmal taucht eine Künstlerin auf, deren Musik nicht nur gehört, sondern auch gesehen wird.
Fiona Fiasco ist genau so eine Erscheinung. Mit ihrer Debüt-EP Blue Rider, Blue Faced öffnet sie ein Tor in eine Welt, die gleichzeitig archaisch und modern wirkt – verwurzelt in den Schweizer Alpen und doch weit über geografische Grenzen hinaus.
Und genau deshalb ist sie unser Artist of the Month im Monat März.
Von Brigels in die Welt
Fiona Fiasco, bürgerlich Fiona Cavegn, wuchs in der Graubündner Gemeinde Brigels auf – umgeben von Bergen, Natur und der rätoromanischen Sprache, einer der ältesten noch gesprochenen Sprachen Europas. Diese Verbindung zu Landschaft, kultureller Tiefe und regionaler Identität prägt ihr künstlerisches Schaffen bis heute.
Ihre Kindheit war geprägt von Nebel, Weite und Geschichten. Volkslieder und lokale Radiosender wurden zu ersten Inspirationsquellen. Für sie war Songwriting nie bloße Pop-Mechanik, sondern ein Mittel, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verweben.
2019 veröffentlichte sie ihre ersten Singles Mona Lisa und Then We Talked – in diesem Jahr formte sich auch ihr Künstlername Fiona Fiasco. Parallel dazu studierte sie Sound Design an der Berner Hochschule der Künste. Diese akademische Auseinandersetzung mit Klang, Raum und Komposition veränderte ihren Zugang zur Musik nachhaltig.
Ihr Debütalbum entstand gemeinsam mit dem Musiker Melodiesinfonie: Forever Faking Memoirs markierte eine erste größere Veröffentlichung und zeigte bereits ihre Affinität zu atmosphärischem, detailverliebtem Sounddesign.
Danach widmete sich Fiona konsequent ihrem eigenen Weg.
Zwischen Bergen, Städten und neuen Perspektiven
Von Brigels zog es sie weiter – nach Zürich, nach Bern, in lebendigere und lautere Umfelder. Ortswechsel wurden zu künstlerischen Phasen. Jede Umgebung brachte neue Impulse, jede Lebensphase neue Nuancen.
Spätestens seitdem geht sie ihren Weg hin zu dem Stil, der heute so unverkennbar klingt: cineastisch, introspektiv, atmosphärisch. Nach zwei Jahren Funkstille meldete sich Fiona Fiasco nun zurück – reifer, klarer, selbstbewusster.
Blue Rider, Blue Faced – Kunst als Klangraum
Mit ihrer Debüt-EP Blue Rider, Blue Faced verbindet sie cineastische Soundlandschaften mit intimer, poetischer Lyrik. Hier geht es nicht um schnelle Hooks, sondern um Atmosphäre, Raum und Textur. Jeder Song wirkt wie ein kleines Filmfragment – reduziert, aber voller Details. Ihre SoundArt-Studien sind hörbar: Klang wird hier nicht nur getragen, sondern gestaltet.
Ein schimmernder Hauch von Geisterhaftigkeit zieht sich durch die EP. In der Single Stacy etwa entfaltet sich ein beinahe spielerischer Dialog mit etwas Unsichtbarem. Zarte Gesangslinien tragen flackernde Gitarrenakkorde und flüsternde Synths, die auftauchen, verschwinden und wiederkehren – wie freundliche Erscheinungen, die einen Moment neben dir her schweben. Der Titeltrack Blue Rider, Blue Faced erinnert an „blaue Tage“, trägt sie jedoch mit einer hoffnungsvollen Bewegung weiter. Das dazugehörige Video, gedreht von der australischen Künstlerin Georgia Spain im Bois de Boulogne in Paris, wirkt wie ein visuelles Echo dieser schwebenden Welt. In Farbe und Komposition greift es Inspirationen aus den Gemälden von Gabriele Münter auf, Mitglied der expressionistischen Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“.
Auch musikalisch bleibt alles in Bewegung. In Big Band scheint man gleichzeitig mehrere Räume zu betreten – eine Hotellobby, eine Landstraße zwischen Wiesen und Wald. Szenen wechseln, Details tauchen auf und lösen sich wieder auf. Wasteland beginnt wie ein Americana-gefärbter Folk-Song, durchzogen von unerwarteten klanglichen Abzweigungen. Und selbst reduzierte Stücke wie Garden oder Gentle Sun bleiben transparent, aber vielschichtig.
Produziert wurde die EP von Fiona Fiasco selbst, gemeinsam mit Simon Boss und Lukas Kuprecht. Die Aufnahmen entstanden über anderthalb Jahre hinweg an unterschiedlichen Orten – unter anderem auf Band in einem Zürcher Kunstraum, in einem abgelegenen Haus im Tessin und in Studios rund um Zürich. Wie die Musik selbst setzten sich auch die Produktionsorte fragmentarisch zusammen.
Das Ergebnis flackert und schimmert – eklektisch, aber stimmig. Eine EP, die sich nicht erklärt, sondern erlebt werden will. Es entsteht ein spannender Dialog zwischen Musik und bildender Kunst – zwischen alpiner Herkunft und urbaner Inszenierung.
Mehrsprachig, vielschichtig, mutig
Fiona singt auf Englisch – doch Sprache ist für sie mehr als ein Stilmittel. Als in Romansh aufgewachsene Musikerin trägt sie eine kulturelle Mehrschichtigkeit in sich, die sich subtil durch ihr Werk zieht. Ihre Single Stacy zeigte bereits diese neue Klarheit und Präsenz – ein Song, der gleichzeitig zurückhaltend und eindringlich wirkt.
Was Fiona Fiasco besonders macht, ist ihre Haltung zum Erzählen. Ihre Musik drängt sich nicht auf. Sie entfaltet sich. In einer Zeit, in der Songs oft auf 15-Sekunden-Momente optimiert werden, setzt sie auf Tiefe und narrative Bögen. Ihre Stücke laden ein, sich Zeit zu nehmen – hinzuhören, Atmosphären wirken zu lassen.
Das ist keine Zufälligkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung.
Warum sie unser Artist of the Month ist
Fiona Fiasco steht für eine Generation von Independent-Artists, die:
- ihre Herkunft als künstlerische Ressource begreifen
- visuelle Ästhetik und Musik ganzheitlich denken
- Tradition und zeitgenössische SoundArt verbinden
- sich Zeit für Entwicklung nehmen
- und Mut zur Emotionalität zeigen
Blue Rider, Blue Faced ist kein lautes Debüt.
Es ist ein stilles Statement.
Und manchmal sind genau diese Statements die nachhaltigsten.
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Einmal im Monat präsentiert recordJet den Artist of the Month. Gewählt von der recordJet-Crew, wird ein recordJet-Artist prämiert, der uns besonders gut gefällt. Schaut doch mal auf unserer AotM-Playlist vorbei – dort sind alle unsere Artists of the Month der vergangenen Jahre bis heute aufgelistet.
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Merle Stephan Photography